Der Ursprung der Form
Ich bin ein Wesen des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Eine Zeit, die den 1 GHz-Prozessor kennt; eine letzte Zwischenzeit der erfundenen Bilder: Vollfarben, Hochauflösung und Photorealismus sind allgemein antreffbar seit seines zweiten Jahrzehnts. Wir sind dem »Lichtspiel, dem [Zapparoni] mit seinen Robotern und Automaten eine fast märchenhafte Perfektion verl[eiht]« (Jünger1960, S. 31) näher als je zuvor.

Über das Leben vor dieser Zeit kann ich nur mutmaßen, spekulieren, mich von Romantisierung dahinreißen lassen. Und doch denke ich, dass – womöglich bloß in der gedanklichen Begegnung mit seiner Umwelt – ein Leben näher an der echten Welt selbstverständlicher war. Es kann aber auch sein, dass dem nicht so war, die Reibungsstellen, an denen die Ersetzung seines Zugangs zur Welt mit einer mediierten Sicht durch geschaffene Faksimile-Fragmente schmerzlich auffällt, jedoch weniger mannigfaltig ausfielen. Siehe dazu (Frech2022) und hoffentlich eines Tages einen Essay über die Verkehrung des technokratischen Blickes, den ich schon lange schreiben will.
Jedenfalls scheint das Beschreiben unserer unausdenkbar üppigen Welt, mit ihren sie umspannenden Meeren, in denen stets, überall und immer sich die Wellen verworren brechen, mit ihren Horizonten getüncht in tiefstes Blau sowie hellstes Weiß, stechendes Orange oder sanftes Flieder, alsbald verschmolzen als harmonisch Ganzes, alsbald dem Sternenhimmel weichend, eine sich durch die Jahrzehnte der verwissenschaftlichen westlichen Welt ziehende Faszination innezuhaben.
Fasst man Beschreiben weiter, kann hier auch die Naturpoetik eingeschoben werden; ich selbst erquicke mich bisweilen der Form des deutschsilbenuminterpretierten Haiku (Frech2016b).
Beschreibend, d. h. nicht-schöpfend, arbeitet die Naturphilosophie, und das Einfangen a priori unbeschreiblich verwickelter Naturphänomene in immer gesteigerter Bündigkeit ist das nächste am Finden einer Weltformel, das bis dato leistbar ist.
Feinstverästelt sind die Fraktale, die dynamische Systeme (Frech2017) (Frech2019) mit ihren auf allen Zoomtiefen auftretenden Unstetigkeitsbereichen verkörpern können, aber auch »realistic landscapes (...) that (...) resemble nature« (Carlson1987) erzeugen lassen. Benoît Mandelbrot hat schließlich die Fraktale eingeführt, um der die gesamte Nichtquantenphysik durchströmende, deklarativ auf die Natur gepresste Stetigkeitsannahme (eigentlich sogar Analytizitätsannahme, auf jeden Fall mindestens Lipschitzstetigkeitsannahme) ein Gegenpol zu errichten.
Computergraphik ignoriert meiner Auffassung nach diesen philosophischen Punkt, sehr pragmatisch wird benutzt, was aussieht, wie gewünscht. (Pseudonym2023a) (Pseudonym2024) Deshalb habe ich den Eindruck, dass man hier weniger seinen Sinnesausdruck auf die Leinwand direkt einwirken lässt, sondern über Umwege aus einem großen Fundus an Experimenten ähnlich Aussehendes remixt. (Perlin1985) (Perlin2002)
Minimalität ist womöglich nur eine Mirage unserer Sprache. Die Gepardenflecken zu umschreiben, in dem man Gepardenflecken vokalisiert, ist unbestreitbar präzise. Punktiert man seine Sprache durch Herausnehmen dieses passenden Worts, wird ein äquivalenter Ausdruck (oder eine akzeptable Annäherung dessen) länger. Zum informationstheoretischen Zugang zur Ontologie siehe (Frech2025), wobei die darin angedeutete, fiktive Programmsuche in meinem noch nicht veröffentlichten JFF-Dialekt (Frech2026a) gültig ist:
SYNTHESIZE ! VOCABULARY [] primrec 1 * drop 0 ! |> 1 1 ! |> 1 2 ! |> 2
Obiges synthetisiert als 80 764-tes Programm folgende Fakultätsimplementation:
: ! [ 1 ] [ * ] primrec ;
Zur Minimalität siehe auch mein Triptychon Denotationen des Denkens (Frech2026b).

Nichtsdestotrotz empfinde ich die zusammengestauchte Formel als näher an der Realität als das Lagrangepolynom aus tatsächlich realen Messungen, obwohl erstere sicherlich fiktiver ist. »Im übrigen konnte man fragen, ob nicht die reale Welt noch phantastischer sei.« (Jünger1960, S. 33)
Alan Turing machte (Turing1952) wohl eine Entdeckung, die gleichermaßen den Naturwissenschaften wie der (frühen) pragmatischen Computergraphik zuordnenbar ist: sein Morphogenese-Aufsatz (Turing1952), welcher einen ganzen Unterzweig der Biologie einleitete. Mit Reaktionsdiffusionsgleichungen beschreibt er, wie aus dem Einheitsbrei von Zellen das Entstehen der Muster der Tiere gar nicht so verblüffend sein muss, wie auf den ersten Blick womöglich gedacht. Der sogenannten Turing-Mechanismus (engl. Turing patterns) kann aber auch auf andere, nicht-lebende chemisch-physikalische oder sogar rein datengeformte Umstände angewendet werden. (Pseudonym2023b) (Gillespie2025)
Ich habe den Eindruck, Alan Turing hätte mir in manchem oben ausgeführtem zu Teilen zugestimmt: »The essential disadvantage of the method is that one only gets results for particular cases. (...) biological phenomena are usually very complicated. (...) with the relatively elementary mathematics used in this paper one could hardly expect to find that many observed biological phenomena would be covered.« (Turing1952, S. 72) Die ontologische Qualität à la wie sich die Welt verhält, ist meine Formel kann Naturwissenschaft einfach nicht leisten. Und eine allumfassende mathematische Theorie der partiellen Differentialgleichungen haben wir noch nicht; sonst wäre meine Masterarbeit, worin ich der Existenz von Lösungen einer spezifischen geometrischen Flussgleichung nachgehe, schnell beantwortet.
Differentialgleichungen sind fitzelig: Alan Turing hat in seinem Aufsatz ein einziges Bild, etwas Geflecktes (Turing1952, S. 60), an welchem er ein paar Stunden lang herumgerechnet hat: »Figure 2 shows such a pattern, obtained in a few hours by a manual computation.« (Turing1952, S. 59) Und er scheint mir wenig zufrieden mit seinen Approximationen und Linearisierungen, die er für seine Abbildung machen musste. Es überrascht wenig, dass der Miterfinder des Computers seine RD-Gleichungen numerisch in Angriff nehmen will: »13. Non-linear theory. Use of digital computers (...) It might be possible (...) to treat a few particular cases in detail with the aid of a digital computer.« (Turing1952, S. 72)
In seiner nur als Manuskript überlieferten (Keine drei Jahre nach Veröffentlichung des Morphogenese-Aufsatzes war Alan Turing tot. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. (Pease2012)) weiteren Ausarbeitung seines Ansatzes, »The morphogen theory of phyllotaxis, to be described, as already mentioned, in a later paper, will be covered by this computational method. Non-linear equations will be used.« (Turing1952, S. 72), kam dann ein Rechner zum Einsatz. (Swinton2004)

Bei der Numerik muss man all die von Alan Turing beschriebenen Annahmen treffen und Vereinfachungen durchführen, sich viele Gedanken um die 53-Bit-Mantissa des float64 machen, allerlei Abschätzungen geschickt herbeweisen.
Aber die Erforschung des Computers hat mit sich einige diskretmathematische Überraschungen gebracht, die nahelegen, dass des Pudels Kern in Sachen Faksimiles der Echtwelt ausfindig zu machen nicht notwendigerweise ausschließlich in der kontinuierlichen Welt der Analysis stattfinden muss. Ein hier nennbarer Klassiker ist John Conways Game of Life (Frech2016a), worin die eckigen Ganzzahlrasterpunkte recht keck über die Bühne tanzen. Es braucht schlichtweg nicht immer einen Fließkommazahlenkoprozessor, um Lebensähnliches auf die Leinwand zu bekommen.
Diskret entstanden sind die hier im Beitrag eingestreuten Renderings: ein wenig zellulärer Automat, aber erinnernd an Alan Turings Musteridee.
Am Anfang steht vollkommenes Schwarz. Daraufhin wird der simulierten Welt Leben eingehaucht, uniform zufällig ausgewählte Pixel erhalten eine Farbe, der homogene Ausgangszustand ist geschaffen. Jetzt wachsen meine kleinen Pixel-»morphogens« (Turing1952): atomar in jedem Simulationsschritt will jeder Pixel in alle vier Himmelsrichtungen sich ausbreiten. Doch damit ist er womöglich nicht allein! Bei Landstreitigkeiten gewinnt stets derjenige, der von allen diesen Ort Beanspruchenden in der Überzahl ist, sonst wird eine faire Münze geworfen. Seine Farbenflagge auf einen Pixel zu pflanzen kann mit 10 %-iger Wahrscheinlichkeit missglücken; dadurch werden die Kanten etwas runder. Die Simulation läuft, bis kein schwarzer Pixel mehr verbleibt.
LITERATUR.
(Carlson1987) Paul W. Carlson: "Fast Fractal Landscapes
For IBM". Juni 1987. In: COMPUTE! 85 9(6), S. 88–91.
Online: https://archive.org/download/1987-06-compute-magazine/Compute_Issue_085_1987_Jun.pdf
(abgerufen 2026-09-25)
(Frech2016a) Jonathan Frech: "Conway’s Game of Life".
2016-02-13. Online: https://blog.jfrech.com/104/
(abgerufen 2026-09-30)
(Frech2016b) Jonathan Frech: "Schwirrt an uns vorbei".
2016-11-10. Erschienen in: "Biochorion #1",
Online: https://www.medienfrech.de/foto/info-vita-manifest.html#biochorion-1 (abgerufen 2026-09-30)
(Frech2017) Jonathan Frech: "Lyapunov Fractal". 2017-12-30.
Online: https://blog.jfrech.com/189/ (abgerufen 2026-09-30)
(Frech2019) Jonathan Frech: "Mandelbrot Set Sketch in Scratch".
2019-07-13. Online: https://blog.jfrech.com/217/
(abgerufen 2026-09-30)
(Frech2022) Jonathan Frech: "Temporal einseitige Anomalien ;
Der zukunftsbesessene Lichtraub". Herbst 2022.
In: schaelpic photokunstbar, "Der Reflex des
Wiedererkennens #2". Online: https://www.schaelpic.de/#ausstellung-50 (abgerufen 2026-09-30),
https://www.jfrech.com/texte/2022-herbst_jonathan-frech_temporal-einseitige-anomalien.html (abgerufen 2026-09-30)
(Frech2025) Jonathan Frech: "Notationelle Zugänge zur
Fakultät". 2025-11-26. In: Notizen zur Fotografie.
Online: https://www.medienfrech.de/foto/NzF/2025-11-26_Jonathan-Frech_Notationelle-Zugaenge-zur-Fakultaet.html
(abgerufen 2026-09-30)
(Frech2026a) Jonathan Frech: "Writing Forth with an Accent".
2026-06-08. Online: https://blog.jfrech.com/301/
(abgerufen 2026-09-30)
(Frech2026b) Jonathan Frech: "Denotationen des Denkens".
August 2026.
In: schaelpic photokunstbar, "Zinn Asphalt Öl:
200 Jahre Fotografie – Hommage an Nicéphore Niépce".
Online: https://www.schaelpic.de/#ausstellung-62
(abgerufen 2026-09-30)
(Gillespie2025) Patrick Gillespie: "What Happens if
You Blur and Sharpen an Image 1000 Times?" 2025-10-30.
Online: https://www.youtube.com/watch?v=7oCtDGOSgG8
(abgerufen 2025-11-03)
(Jünger1960) Ernst Jünger: "Gläserne Bienen". November 1960.
Rororo 385. Rowohlt Verlag. (Ungekürzte
Taschenbuchausgabe. Die Originalausgabe erschien
im Ernst Klett Verlag Stuttgart.)
(Pease2012) Roland Pease: "Alan Turing: Inquest's
suicide verdict 'not supportable'". 2012-06-26.
Online: https://www.bbc.com/news/science-environment-18561092
(abgerufen 2026-09-30)
(Perlin1985) Ken Perlin: "An Image Synthesizer". 1985.
In: SIGGRAPH '85, S. 287–296.
Online: https://dl.acm.org/doi/10.1145/325334.325247
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https://history.siggraph.org/learning/an-image-synthesizer-by-perlin/ (abgerufen 2026-09-30)
(Perlin2002) Ken Perlin: "Improving Noise". 2002.
In: SIGGRAPH '2002
Online: https://mrl.cs.nyu.edu/~perlin/paper445.pdf
(abgerufen 2025-07-20),
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(Pseudonym2023a) Pseudonym ("Jess"): "How I Created
2D Pixel Art Water - Unity Shader Graph". 2023-08-20.
Online: https://youtu.be/pGOLstWBCDA?t=365
(abgerufen 2026-09-30)
(Pseudonym2023b) Pseudonym ("Physics for the Birds"):
"Turing's Cake (and other wrinkly math)". 2023-11-23.
Online: https://www.youtube.com/watch?v=icQ_BTtNGEo
(abgerufen 2025-11-03)
(Pseudonym2024) Pseudonym ("AIA"): "The biggest lie
in video games". 2024-02-16.
Online: https://youtu.be/Qk_O-q_9YIQ?t=542
(abgerufen 2026-09-30)
(Swinton2004) Jonathan Swinton: "Watching the Daisies
Grow: Turing and Fibonacci Phyllotaxis". 2004.
Online: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-05642-4_20
(abgerufen 2026-09-30)
(Turing1952) A. M. Turing: "The Chemical Basis of
Morphogenesis". 1952-03-15.
Online: https://royalsocietypublishing.org/doi/pdf/10.1098/rstb.1952.0012
(abgerufen 2025-11-03)