Conditio humana

Die Frau trägt ein Kopftuch und einen offenen Mantel über dem Kleid, ihre Arme sind verschränkt. Das Motiv der Anstecknadel kann ich nicht erkennen. Sie schaut knapp an der Kamera vorbei und ist umgeben von weiteren Personen; alle sind gut gekleidet und halten Abstand. Ein Mann trägt einen Koffer, ein anderer eine Aktentasche. Die Leute scheinen zu warten. Die Frau hat eine Handtasche und hält ein Papierchen in der linken Hand, auf dem Boden liegen weitere – Billetts? Ist das an einer Bushaltestelle? Ich weiß es nicht: Das ist das letzte Bild auf einem Kleinbildfilm mit Motiven aus Paris im Stil der street photography.
Ein vielschichtiges Bild: Im Vordergrund die Frau vor einer Strebe, beinahe frontal als Ganzportrait. Die Strebe ragt hinter ihr auf und teilt das Bild in Drittel. Links und rechts bilden zwei Männer angeschnitten den Bildrand. Der Mittelgrund wird dominiert von weiteren Personen, die meisten von der Kamera abgewandt. Im Hintergrund ist unscharf Stadtlandschaft zu erahnen: Autos, eine Straßenlaterne und Häuser oder Bäume im Dunst.
Es sind die Gesichter, die mich an diesem Bild faszinieren. Sie wirkt in sich gekehrt; ist das ein trauriger Blick? Nach längerem Betrachten denke ich eher, sie ist müde – oder gelangweilt. Dann der Mann rechts mit dem markanten Profil, die Zigarette im Mundwinkel. Sein linkes Auge ist verschattet; schaut er sie an? Starrt er ins Leere? Weiter hinten im Bild stehen sich zwei Frauen gegenüber, beide im Kostüm. Sie scheinen aber nicht miteinander zu reden, schauen aneinander vorbei, ausdruckslos. Das vierte Gesicht ist das des Mannes im Hintergrund links; er wirkt konzentriert, ist vielleicht im Gespräch mit der Frau, die neben ihm steht. Keine Fröhlichkeit, nirgends.
Das Bild erinnert mich an unser Bedingtsein, das war 1949 nicht anders als heute. Vielleicht sollten wir uns das öfter deutlich machen: wie angewiesen, zerbrechlich und bedürftig das menschliche Dasein ist in seiner Endlichkeit – aber auch, wie unsere Natalität das Erzählen darüber erst möglich macht. Gute Schnappschüsse können das triggern.
Foto: Dohma/
(Das Nitrozellulose-Negativ wurde nach der Sicherungsverfilmung vernichtet.)
Repro vom Mikrofilm: Martin Frech, 10/2025
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