Maria Reiche: Wüste statt Partys
(Spielfilm, 2025 | Kritik)
Mich beeindruckt es sehr, wenn jemand in jungen Jahren ein Thema findet und das eigene Leben in der Folge konsequent um die Arbeit an diesem Thema herum organisiert. Die 1903 geborene Maria Reiche war wohl eine solche Person. In Dresden zur Lehrerin ausgebildet (Studium der Mathematik, Physik und Geografie an der dortigen TH), wanderte sie 1932 nach Peru aus, hat dort als Sprachlehrerin gearbeitet und auf Umwegen zur Archäologie gefunden: Ihr Lebensthema wurde die Erforschung der Nazca-Linien, die durch ihr Engagement schließlich 1995 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes wurden. Die schon zu Lebzeiten hochgeehrte Maria Reiche starb 1998 mit 95 Jahren in Peru; zum 115. Geburtstag gab es einen Google-Doodle.
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Der Spielfilm »Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien« ist inspiriert von dieser Biographie. In schwelgenden Bildern (Kamera: Gilles Porte) zeigt er uns eine heile und vollkommen analoge Welt in den 1930er-Jahren, die jedoch mit Autos, Telefonen, Schreibmaschinen, Flugzeugen und der Fotografie schon über alle notwendige Technik zur Weltaneignung verfügt. Die Faschismen der Zeit sind weit weg auf der anderen Seite der Welt und die Expats von dort lassen es sich gutgehen in Lima. Nichts Übergriffiges weit und breit, nirgends ein doppeltes Spiel.
Maria Reiche (Devrim Lingnau Islamoğlu) reicht das nicht und als sie zufällig die im Westen noch weitgehend unbekannten Geoglyphen bei Nazca im südöstlichen Peru sieht, ist es um sie geschehen: In einem kleinen Zelt lässt sie sich selbstlos in Nachbarschaft einer indigenen Familie unter einem Mangobaum nieder und beginnt mit der Sicherung und Erforschung der historischen Scharrzeichnungen. Sie hat ihren Lebensinhalt gefunden: »Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Ich fühle hier eine tiefe Verbundenheit mit mir selbst«. (Neid kommt auf.) Im hellen Kleid und leichten Schuhen (Wüstensonne) ist sie fortan dort zugange und vernachlässigt darüber sogar die Beziehung zu ihrer Freundin. Schön anzusehen ist, wie die Hauptdarstellerin immer wieder mit ihrer Rolleiflex in der ledernen Bereitschaftstasche unterwegs ist um die Linien zu fotografieren (Sand? Von Rollei gab es übrigens ein metallenes Tropengehäuse). Warum haben die Autoren eigentlich auf das Nachstellen der potentiell spektakulären Szene verzichtet, wie sich die echte Maria Reiche an einem Hubschrauber festbinden ließ, um Luftaufnahmen von den Nazca-Linien anzufertigen?
Ein Konflikt bahnt sich an, als der Großgrundbesitzer beginnt, sich die Wüste anzueignen. Seine Arbeiter zerstören beim Anlegen von Baumwollplantagen (in der Wüste, echt jetzt?) Teile der uralten Zeichnungen. Maria wird bei ihm vorstellig und trifft ihn auf seiner Hacienda beim Freiluftbaden in der originalen Wanne eines der Pizzaros. Diese bizarre Situation ist eine von nur zwei Szenen, in denen die koloniale Last des Landes zaghaft angedeutet wird; die andere ist der nonchalante Hinweis einer Indigena, die auf Nachfrage von Maria Reiche nichts zur Bedeutung der Linien sagen kann, da ihr Volk durch die Conquista von ihrer Vergangenheit abgeschnitten sei. Weiter im Text. Bald kommt es denn auch ohne Umwege zum glücklichen Ende, keine Überlänge.
In Echt war die Geschichte wohl komplizierter, klar. Das Team um den Regisseur Damien Dorsaz weicht in der Fiktionalisierung teils erheblich von den tatsächlichen Begebenheiten ab. Geschenkt; man kann das ja leicht zugänglich nachlesen. Der Film gibt sich unspektakulär. Reiches Neugier und ihre Besessenheit kommen rüber, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse werden zart angedeutet; ein insgesamt barrierearmes Kinovergnügen. Ich habe den Film vielleicht gerade deswegen gerne angeschaut.
Infos zum Film via IMDb: ↱ imdb.
Weiterlesen:
Daria Eva Stanco: Die Wüstenfegerin. Thelem: Dresden 2024. ISBN 978-3-95908-314-0
(Spielfilm, 2025 | Kritik)«. In: Notizen zur Fotografie, 2025-10-01. Online: https://