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Der Bru­ta­list (Spiel­film, 2024 | Kri­tik)

Martin Frech

Ein Film über ei­ne fik­ti­ve Fa­mi­lie, die den NS und de­ren Ver­nich­tungs­la­ger über­lebt hat; ent­spre­chend be­schä­digt: Sie, schwer­kran­ke Jour­na­lis­tin im Roll­stuhl, er, nun dro­gen­ab­hän­gi­ger Ar­chi­tekt, so­wie die Zieh­toch­ter, die jun­ge, jah­re­lang stumme Nich­te. Ein Neu­an­fang in den USA wird ver­sucht, in Penn­syl­va­nia (Louis Kahn!). Aber schon die Frei­heits­sta­tue steht Kopf, bei den Ost­küs­ten-WASP sind die Ju­den auch nicht ge­wollt. Ei­ne ka­pi­ta­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche Klas­sen­ge­sell­schaft eben (»⁠Wir dul­den Sie⁠«) – es ist klar: wer das Geld hat, hat das Sa­gen und darf sich al­les er­lau­ben. Allen vo­ran der ver­ge­wal­ti­gen­de Bau­herr und sein Sohn – Bru­ta­lis­ten, die sich aus­ge­rech­net ein Kul­tur­zen­trum mit Ka­pel­le bau­en las­sen; es wird Frag­ment blei­ben. So­li­da­ri­tät gibt es nur un­ter den Be­sitz­lo­sen (al­lein­er­zie­hen­der schwar­zer Va­ter, wo­zu steht der ei­gent­lich in so vie­len Bil­dern rum) in der Sup­pen­kü­che – un­nö­tig holz­schnitt­ar­tig.

Wa­rum aber der an­ge­deu­te­te ›⁠ei­gent­li­che⁠‹ Bru­ta­lis­mus im Film? Ich weiß es nicht. Da ist der Ar­chi­tekt, der sein Trau­ma künst­le­risch fasst: Der Grund­riss der Zel­le von Bu­chen­wald dient als Ras­ter­maß für das Kul­tur­zen­trum, Düs­ter­nis al­lent­hal­ben. Ja, ir­gend­wie passt das schon. Denn: Reicht die Ver­wen­dung von Be­ton, da­mit ein Ge­bäu­de ›⁠bru­ta­lis­tisch⁠‹ ist? Im wei­te­ren Sin­ne viel­leicht; zu­rück­ge­hend auf Le Cor­bu­si­ers Nach­kriegs­schaf­fen (Uni­té d'Ha­bi­ta­tion/Mar­seille). Aber ei­gent­lich soll­te dem Ge­bäu­de schon ein ide­ell­er An­spruch zu Grun­de lie­gen und der Be­ton dann das fol­ge­rich­ti­ge ›⁠au­then­ti­sche⁠‹ Ma­te­ri­al sein, ger­ne kom­bi­niert mit Stahl und Glas. Wer­den dann noch mas­si­ve Vo­lu­mi­na rau, struk­tu­rell ehr­lich und skulp­tu­ral ent­wor­fen und auf zu­sätz­li­che Far­be ver­zich­tet, um­so bes­ser (die Smith­son). Wer jetzt ›⁠Bau­haus⁠‹ denkt: Ja, auch das war ein Wen­de­punkt im 20. Jahr­hun­dert und auch dort war so­zia­les En­ga­ge­ment wich­tig, die Ma­te­ri­a­li­tät und die For­men wa­ren je­doch zu­rück­hal­tend, ele­gant. Der Film zeigt den Ge­gen­satz ja auch sehr schön: Licht und Leich­tig­keit im ganz­heit­lich mi­ni­ma­lis­ti­schen Kon­zept nach mensch­li­chem Maß­stab (die Pri­vat­bi­blio­thek mit an­ge­deu­te­ter Breuer-Lie­ge) vs. Be­ton­mas­se mit sicht­ba­ren Scha­lungs­struk­tu­ren: der Bru­ta­lis­mus der ra­di­ka­len Be­ton­mons­ter der Wohl­fahrts­staa­ten (das her­me­ti­sche Van-Buren-In­sti­tut, das sei­nen Bau­herrn auch noch schluckt).

Den­noch: Kein Film über Ar­chi­tek­tur; der Ent­wurfs­pro­zess und das Rin­gen um Kom­pro­mis­se/Bud­get­fra­gen wer­den nur an­ge­deu­tet (ein­sa­mes lei­den­des Ge­nie), eben­so die Aus­füh­rung. Viel­mehr: Ein be­rüh­ren­der Film, der an Hand in­ti­mer Si­tu­a­ti­onen zeigt, wie zer­stö­re­risch nicht the­ra­pier­te Trau­ma­ta wir­ken. Die Dar­stel­ler­ïnnen spie­len be­ängs­ti­gend gut in ei­nem tol­len De­sign, das in epi­schen Bil­dern ge­zeigt wird, be­glei­tet von ex­qui­si­ter Mu­sik. Ob­wohl es spät wur­de: zu lang war mir der Film ge­wiss nicht.

Aber: Mus­ste der kon­tra­fak­ti­sche Epi­log sein, der KI-ge­stützt zeigt, wie bru­ta­lis­ti­sche Ar­chi­tek­tur auf der Bi­en­na­le 1980 in Ve­ne­dig zu ei­ner Zeit ge­fei­ert wird, als der ›⁠ech­te⁠‹ Bru­ta­lis­mus erst­mal am En­de war? Tat­säch­lich stand die 1. In­ter­na­ti­o­na­le Ar­chi­tek­tur-Bi­en­na­le Ve­ne­dig 1980 un­ter dem Mot­to »⁠La pre­sen­za del pas­sa­to⁠« und fei­er­te die Post­mo­der­ne, die ja ge­ra­de iro­nisch auf das stren­ge Ent­wer­fen re­agier­te: ver­spielt, bunt, ek­lek­ti­zis­tisch. Das hat gar nicht ge­passt für mich.

Wenn Sie sich für die Ar­chi­tek­tur des Bru­ta­lis­mus in­te­res­sier­ten: Las­sen Sie sich bit­te nicht von die­sem Film in die Irre füh­ren; schau­en Sie erst­mal auf ⁠ ⁠#SOSBRUTALISMa [2025-08-13] und Sie wer­den se­hen.

In­fos zum Film via IMDb: ⁠ ⁠imdb.com/de/title/tt8999762/ [2025-08-13]


Fußnoten.
ahttps://www.sosbrutalism.org/
Zitierempfehlung (.BibTeX, .txt):
Frech, Martin: »Der Bru­ta­list (Spiel­film, 2024 | Kri­tik)«. In: Notizen zur Fotografie, 2025-08-13. Online: https://www.medienfrech.de/foto/NzF/2025-08-13_Martin-Frech_Der-Brutalist-Spielfilm-2024-Kritik.html
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